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Festival 2021

FRAU TROFFEA

Cie Samuel Mathieu

(Frankreich)

© Angélique Leyleire

Do, 17.06.2021 | 20.00 – 21.30 Uhr | Schauspielhaus

20,- €, erm. 11,- €

Im Sommer 1518 ereignet sich Seltsames in Straßburg. In den engen Gassen und auf den Plätzen der Stadt tanzen Dutzende von Menschen wild zum Rhythmus von Tamburinen, Gamben und Dudelsäcken. Doch es ist keine Partystimmung. Der Medizinhistoriker John Waller manifestiert in seinem 2009 erschienenen Nachschlagewerk The Dancing Plague, dass die Szenen erschreckend warten.

Die Frauen, Männer und Kinder, die von dieser seltsamen Hysterie ZU TANZEN betroffen waren, schrien, verlangten nach Hilfe – aber ein Aufhören war nicht möglich. Sie sind in einer Trance gefangen. Sie alle haben „einen vagen Gesichtsausdruck, wenn sie zum Himmel schauen; ihre Arme und Beine zucken mit ruckartigen und müden Bewegungen; ihre Hemden, Röcke und Strümpfe kleben schweißgetränkt an ihren ausgemergelten Körpern“, so beschreibt es John Waller. Innerhalb weniger Tage vermehren sich die Fälle, wie ein sich ausbreitender Virus, der Angst und Tod in der elsässischen Stadt sät. Viele der unfreiwilligen Tänzer überleben diesen Todestanz nicht, der an den Totentanz erinnert. Es ist eine Frau, Frau Troffea, die am 14. Juli desselben Jahres das erste Mal dieses Tanzsterben auslöst. Heutzutage, nach den Erfahrungen mit Corona, würde man sie wohl als Patientin Null bezeichnen: Das erste infizierte Individuum während einer Epidemie.  

Sowohl als choreografisches Objekt wie auch als Experimentierfeld ist Frau Troffea ein Verweis auf die #MeQueer-Erfahrungen im Zusammenhang mit Homophobie und Diskriminierung im Alltag, welche homosexuelle, bisexuelle oder transgender Menschen oft erleben müssen. Samuel Mathieu beruft sich dabei auf die Arbeiten von Marie-Hélène (jetzt Sam) Bourcier – Soziologin, Forscherin und Dozentin an der Universität Lille III, die in ihren wissenschaftlichen Arbeiten die Idee der Hierarchielosigkeit zwischen den Geschlechtern immer wieder diskutiert und in den wissenschaftlichen Kontext von Feminismus/Transferimus, Gender-Studies, Trans-Studies, Queer-Studies, Post-Colonial-Studies und Porn-Studies stellt. Choreografisch diskutiert Mathieu den Körper und sein Vokabular und bringt ihn in einen Diskurs mit seiner Umwelt, wo sich die Eskalation von Haltungen vollzieht, ein Zusammenprall von Gedanken und Worten mit dem Körper selbst, die den Performer über die eigenen Grenzen hinaus treibt, ohne vorgefertigte Ergebnisse – eine permanente Suche nach Ausdehnung und Liberalisierung des Geschlechterbegriffs, der Rollen und Attribute des typisch Weiblichen, des typisch Männlichen als Ergebnis von Machtverhältnissen definiert und nicht als Essenz des Menschlichen.

Konzept: Samuel Mathieu Choreografie: Samuel Mathieu, Martin Mauriès Musik: Maxime Denuc Lichtdesign: Arthur Gueydan Tanz: Martin Mauriès Dauer: 40 Minuten

Samuel Mathieu studierte Ballett und zeitgenössischen Tanz an der École Nationale de Musique et Danse in La Rochelle und wurde dort u. a. von Karin Waehner unterrichtet. Als Tänzer arbeitete Samuel Mathieu mit Régine Chopinot, Jean-Claude Gallotta, Robert Seyfried und Tomeo Vergés. 2001 gründete er seine eigene Company und begann als Choreograf zu arbeiten. 2004 kreierte er neben Est-ce-O-Elle-O-solo auch Us-Band und Go On!. 2008 schuf er Nord-Reich-Nord für das BallettVorpommern. Im selben Jahr entstand Yan, ein französisch-chinesisches Projekt. 2015 und 2017 waren er und seine Cie Samuel Mathieu zu Gast beim Festival TANZ | MODERNE | TANZ mit Us-Band und Assassins, worin er sich mit politischen Themen wie Fragen rund um Macht beschäftigte.